Mein emotionalster Moment als Coach

Dieser Artikel ist im Rahmen der Blog Parade von Julia Georgi entstanden

Ein einzelner Moment kann sehr entscheidend sein

„Klar fällt mir da was ein“, das war mein erster Gedanke, als Julia mich fragte, ob ich auch Lust hätte, ein Teil ihrer Blogparade zu sein. Und war froh, dabei zu sein, denn emotionale Momente hatte ich schon viele.

 

Ich hatte ihren Artikel rund um ihren emotionalen Moment gelesen und war ganz ergriffen, der ging mir unter die Haut.
 
Als allererstes fiel mir ein Erlebnis aus der Zeit meiner Familienhilfe ein. Und dann fing mein Kopf an zu rattern: da war ich ja gar nicht „richtig“ Coach, sondern als Familienhilfe bist du ja irgendwie eine „full package“ Unterstützung, je nach Bedarf.

 

Als klassischen Coach habe ich mich dort natürlich nie gesehen, aber immer wieder Coaching-Elemente benutzt.
 
Doch je mehr ich nachdachte, umso mehr verzettelte ich mich, da mich dieser Moment in meinem beruflichen Leben so viel gelehrt hat, so dass ich entschieden habe, keinen Hick Hack um den Begriff zu machen oder abzuwägen „passt es oder passt es nicht“. Für mich ein emotionaler Moment.

Als Coach in der Familienhilfe

Einige Zeit habe ich die Familie begleitet, ca. zweimal in der Woche war ich dort. 

 

Eine intelligente und auch reflektierte Mutter, mit Berufsabschluss und: Depression. Diese hatte zu verschiedenen Entscheidungen in ihrem Leben geführt, die irgendwie nur dazu führten, dass sie in tiefere Depressionen versank. Der Mann hatte eine andere Freundin. Um ihn nicht ganz zu verlieren akzeptierte sie äußerlich eine Dreibeziehung.

 

Innerlich allerdings nie. Die Mutter wollte, dass sie sich um sie kümmerte, wozu sie ja sagte. Was dazu führte, dass ihre eigene
Wohnung ganz furchtbar aussah und sie kaum Zeit hatte, für sich und ihren Sohn mal irgendetwas zu essen vorzubereiten.

 

Dass sie es nicht schaffte, den Beruf auszuführen kam hinzu. Das Ganze hatte zur Folge, dass der Sohn ein Mix zeigte aus Verweigerung, Auflehnung, Trotz, Verärgerung und ebenfalls depressivem Verhalten.
 
Das hört sich nicht nach einer klassischen Aufgabe als Coach an, sondern nach einer klassischen Aufgabe als Familienhilfe und vielleicht verstehst du jetzt mein Dilemma: „nehme ich diese Geschichte oder nicht.“.

Nein ist ein einzelnes Wort

Mutter und Sohn mochte ich wirklich sehr und wir hatten eine großartige Beziehung (der Vater war ausgezogen, daher erwähne ich ihn jetzt nicht).

 

Es gab immer wieder kleinere Erfolge und mit der Mutter hatte ich auch ehrliche und intensive Gespräche.

 

Aus einem resultierte z.B., dass sie nicht noch den Hund ihrer Nebenbuhlerin aufnahm und fütterte, als die Nebenbuhlerin und ihr Mann in den Urlaub fuhren. Sondern sie das magische Wort sagte „Nein. Das mache ich nicht.“  Und sich damit auch großartig fühlte. Für sie ein riesiger Schritt.
 
Und im Laufe der Zeit wurde im Alltag immer deutlicher: klar gibt es kleine Erfolge, dennoch blieben so einige Baustellen, die ich nicht unbeachtet lassen konnte. Denn es ging ja letztendlich um nichts anderes als das Kindeswohl.

 

Ich hätte mir für die Mutter gewünscht, dass sie sieht: eine therapeutische Behandlung ist sinnvoll, am Besten in einer Tagesklinik.

 

Und für den Sohn sah ich: das muss sein, damit er langfristig im Haushalt bleiben konnte (da verdichteten sich so einige Dinge, aber das ist eine andere Geschichte).

Weiß ich, was gut für die andere Person oder sie selbst?

Also auf in ein Tagesangbot der nahegelegenen Klinik, das wäre gut gewesen, so mein Gedanke. Ich habe gefühlt alles versucht: ich habe die Mutter motiviert, animiert, aufgeklärt und informiert.

 

Mir Menschen gesucht, die die Klinik besucht hatten und ihr erzählt haben, bin ihr Tempo mitgegangen, reflektiert, an die Hand genommen. Ängste bearbeitet. Es gab eine Menge. Nix half.

 

Vor einer Veränderung hatte sie viel zu große Sorgen. Und ich fing an zu resignieren und war frustriert.

Wie gehe ich jetzt mit dieser Situation um?

Eines Morgens kam ich in die Wohnung, die Mutter hatte mir die Wohnungstür geöffnet.

 

Das hatte sie gerade noch so geschafft. Alles andere war Chaos. In der ungeputzten Wohnung lag alles in der Ecke, der Sohn seit Tagen im Bett und das wohl ohne wirklich zu essen.

 

Sie saß in der Essecke und hatte eine Hand an ihrem Kopf, lehnte ihr Kinn darauf. Die andere Hand auf ihrem Schoß.

 

Sie seufzte. Und seufzte wieder. Und sagte: nix.

 

Da vorher einiges vorgefallen war, war das der Moment, in dem ich dachte: wenn es jetzt so weitergeht, dann weiß ich nicht was passiert und das Letzte was ich wollte war: der Sohn auswärts untergebracht.

 

Der Wunsch dies zu verhindern kam noch extremer auf. Aber wie? Gefühlt hatte ich alle Maßnahmen der Welt mit verschiedenen Methoden gemacht. Gab es da noch
was?

Coaching und Macht – ein Tabuthema

Zwei Dinge waren es, die mir in und nach dieser Situation durch den Kopf gingen:
Macht, ich habe ganz schön viel Macht in dem Leben anderer Menschen.

 

Das wurde und wird mir „in solchen“ Momenten immer wieder bewusst. Wie entscheide ich mich, was sage ich und wie gehe ich auf diesen Moment ein. Natürlich könnte „man“ jetzt sagen „eine gute Pädagogin / Beraterin / Coach“ etc. weiß das.
 

Quatsch.
 

Eine „gute Pädagogin / Beraterin / Coach“ hat verschiedene Möglichkeiten und reflektiert diese. Dennoch sind es manchmal ja Sekunden Entscheidungen, die ich treffen muss, was ich sage, was ich frage und wie ich vorgehe.
 

In diesem Fall war auch die Frage da: ist es Zeit für eine Meldung ans Jugendamt? Wir sprechen gerne von Augenhöhe – wann ist Augenhöhe wahre Augenhöhe oder nur welche, die scheinbar ist.

 

In diesem Fall ganz klar, dennoch auch in anderen Coaching Fällen nicht immer. Klar gibt es den Idealfall: der Klient kommt ganz alleine und total freiwillig zu dir. In manchen Arbeitskontexten gibt es das nicht.

 

Einige Gedanken gingen mir in Sekundenschnelle durch den Kopf und viele Gefühle machten sich bemerkbar.

 

Meine Macht wollte ich nicht ausnutzen (was wahrscheinlich die meisten von sich sagen würden). Ich war erschrocken über den Zustand, der sich verschlimmert hatte. Ich fragte mich auch, was ich jetzt noch tun kann und fürchtete mich ein wenig vor der Entscheidung.

Meine Reaktion

Dennoch: ich musste reagieren. Und entschied mich für die Variante, in der ich zu diesem Moment noch am Unsichersten war: den provokativen Ansatz.

 

Gerade war ich auf einem Seminar gewesen, fand es anders und auch gewagt: zu viel Provokation und dann noch ohne Beziehung kann schnell zu Sarkasmus werden.

 

Und dennoch ging ich „rein in das Weltbild“ der Frau und fing an zu karikieren. Anstatt zu motivieren etwas zu tun, motivierte ich sie einfach sitzen zu bleiben: was für eine phantastische Idee! Schließlich weiß sie, was sie da hat! Und wenn sie mal Action will: einfach auf die andere Seite des Tisches setzen. So ging das eine Stunde.
 
Dann bin aus der Wohnung. Wenn ich rauchen würde, wäre das eine gute Situation für eine Kippe gewesen.

 

Denn ich war mir total unsicher was passiert. Driftet es ab und sie denkt „gut, dann muss ich ja nichts tun“ oder passiert was. Und wenn ja: was? Ein Gedanke, der im Raum schwebte war „ist sie bereit sich etwas anzutun?“

 

Soll ich noch einmal zurückgehen und sagen „war nicht so gemeint und jetzt schauen wir mal, was Sie tun können.“

Wieviel helfen kann ich wirklich?

Das zweite, was mir durch den Kopf ging war „wieviel helfen kann ich?“ Nur so viel, wie mein Gegenüber zu lässt.

Ohne meine Macht auszuspielen – die in der Konstellation „Familienhilfe – Familie“ ohne Zweifel da ist. Ich brauchte in meinem Leben noch eine Weile, das zuzulassen.

 

Nicht in ein Hamsterrad des „ich weiß, was gut für dich ist“ zu verfallen und nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen: jeder Mensch weiß es selbst.

Und das passierte dann

Was passierte: innerhalb von drei Wochen war die Mutter in einer Tagesklinik
angemeldet,
noch nicht dort, aber sie hatte sich überlegt, dorthin zu gehen.

 

Nachdem sie in der Tagesklinik war, wurde die Familienhilfe erst einmal ausgesetzt. Nach Monaten traf ich sie auf einem Parkplatz wieder. Zuvor war gerade ihr Bruder an Krebs verstorben. Vor einem Jahr eine Situation, die sie schon bei dem Gedanken erschauern ließ.

 

Jetzt sah ich eine traurige und gleichzeitig willensstarke Frau vor mir. Willensstärke kannte ich so nicht bei ihr und freute mich riesig.

 

Das zeigte mir: ihre Entscheidung war goldrichtig und wahrscheinlich habe ich im richtigen Moment die richtigen Worte gewählt.
 
Ist das jetzt Werbung für den provokativen Ansatz? Nein, genau wie jeder Ansatz kann ich mich nicht darauf festlegen ihn immer zu nutzen. Immer so zu arbeiten, in genau jeder Situation, kann ich mir nicht vorstellen. Wie bei keinem Ansatz.

 

Allerdings brauchen festgefahrene Situationen auch ungewöhnliche Maßnahmen und die habe ich genutzt.
 
Sicherlich gab es in den vielen Jahren, als ich in der Kinder- und Jugendhilfe war, durchaus einige Geschichten, die heftiger waren als diese.

 

Und Klient*innen, mit denen ich eine ganz andere Beziehung hatte. Dennoch ist diese eine Geschichte die, die mir sofort einfiel: weil sie mich viel gelehrt hat.

Was nehme ich auch heute noch daraus mit für mich

Ja, ich gehöre zur klassischen Sorte der Pädagoginnen, die erst einmal lernen durfte: „ich kann nur soviel unterstützen, wie die andere Person möchte“.
 

Mich hier abzugrenzen und gleichzeitig das Beste zu geben – mein großes Lernfeld.
 
Und natürlich kannst du jetzt sagen „Familienhilfe und Macht“ und „Coaching und Macht“, das sind Äpfel und Birnen, die du miteinander vergleichst. Weil es einfach zwei ganz unterschiedliche Kontexte sind.

Und sicherlich hatte ich auch schon vorher über „Macht und Verantwortung“ gesprochen und reflektiert.

 

Aber auch in mein heutiges Arbeitsfeld (das zwar meist von anderen Voraussetzungen geprägt ist als das der Jugendhilfe, aber nicht immer) das Bewusstsein mitgenommen, mir immer der Verantwortung bewusst zu sein, wenn ich mit Menschen arbeite, dass meine Aktionen einen großen Flügelschlag bewirken können. Im negativen wie im positiven.