Ambiguitätstoleranz - mit Unsicherheit im Leben umgehen lernen

Amigui…was? Ambiguitätstoleranz

Heute geht es um einen sperrigen Begriff, den ich damals im Studium der interkulturellen Kommunikation kennen gelernt habe.

 

Ambiguitätstoleranz – was das ist und warum sie für unser Zusammenleben so wichtig ist, darum geht es im Gespräch mit Demokratiepädagogin Anna Kamenik.

Die erste Annäherung an den Begriff

Um uns dem Begriff zu nähern, um den es heute gehen soll, nehmen wir ihn erst einmal auseinander:

 

Ambiguität bedeutet Doppelsinn, Mehrdeutigkeit oder Unsicherheitstoleranz, also wenn ich nicht genau einordnen kann, was in Situationen so passiert.

 

Der zweite Teil des Wortes ist die Toleranz und bedeutet so viel wie aushalten, erdulden, ertragen - also gar nicht so kuschelig und einfach, wie wir und das manchmal wünschen.

 

Toleranz, ist anstrengend und unangenehm in ihrer Wortbedeutung, also eine Unterschiedlichkeit, die bearbeitet werden muss.

Brauchen wir den Begriff Ambiguitätstoleranz, um tolerant zu sein?

Da der Begriff sehr wissenschaftlich ist, könnte der Eindruck entstehen, dass er fern der Praxis ist. Doch gerade meine Erfahrung in Teams zeigt, dass es immer wieder Situationen gibt, wo es schwer war in Teams mit unterschiedlichen pädagogischen Ansichten umzugehen.

 

Auch im interkulturellen Bereich, wenn es um Vielfalt geht, hat der Begriff eine hohe Bedeutung.

 

(Wenn es um das Thema Interkulturalität geht, dann ist dieses Video für Sie vielleicht interessant: Interkulturelle Konflikte)

Ein Beispiel gefällig?

Dazu eine Geschichte aus meinem eigenen Leben. Meine Ambiguitätstoleranz wurde in meinem Jahr in Finnland ganz schön herausgefordert.

 

Wie weit sind wir körperlich nah und fern mit den Kollegen?

Wie wird Weihnachten gefeiert?

Wie wird Schule und Unterricht und der Kontakt zu Lehrer*innen gestaltet?

 

Ich konnte dabei eine Wertung bei mir feststellen und wie „deutsch“ ich doch sozialisiert bin.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar, wie wichtig für mich mein deutsches Weihnachtsfest war, also Dinge wie der Glühwein, der Weihnachtsmarkt, bestimmte Essgewohnheiten. Ich merkte bei mir in Finnland, dass in manchen Situationen Bewunderung hochkam. In anderen allerdings ein hoher Widerstand.

 

Es gehörte dazu, dass ich mich reflektiere und wollte mich einlassen. Denn nur so kann Vertrauen und Toleranz entstehen.

Woran merke ich denn, ob die Ambiguitätstoleranz besser oder weniger gut ausgeprägt ist?

Anna Kamenik meint dazu, dass ihr in ihrem eigenen Lernprozess (von dem sie betont, dass er immer noch anhält) klar geworden ist, dass folgender Moment entscheidend ist:

 

Wenn ich unsicher werde und nicht genau weiß, was passiert – kann ich dann mit den Menschen um mich herum kommunizieren und über Unsicherheiten sprechen?

 

     - Also schaffe ich es, nicht mit eigenen Erfahrungen auf eine Situation zu reagieren?

 

     - Kann ich mit verschiedenen Brillen auf die Situation zu schauen?

 

Der Perspektivwechsel ist ein sehr zentrales Element der Ambiguitätstoleranz. Ist dieser möglich, ist die Chance, dass die Ambiguitätstoleranz sehr ausgeprägt ist, auch hoch.

Was bringt es mir, wenn ich mich in diesem Thema weiterentwickele?

Es bring mir Sicherheit. Anna betonte im Gespräch, dass sie sich in viel mehr Handlungsfeldern sicher fühlen würde. Weil sie genau für Situationen, in denen sie sich unsicher fühlt, Strategien entwickelt hat:

 

„Wie gehe ich mit der Unsicherheit um?“

 

Dadurch ist es möglich, die alten Pfade zu verlassen und auch auf neuen Spuren zu gehen. Und das Ganze mit einem Koffer an Handlungsmöglichkeiten.

 

 „Ich kann mich in viel mehr Handlungsfeldern sicher fühlen und mich auch sicher fühlen,

Wie schaffen wir es mehr Ambiguitätstoleranz zu entwickeln?

Kann ich das trainieren? Das ist nicht ganz einfach, weil es viel mit sich selbst zu tun hat, man kann nicht einfach ein Fachbuch aufschlagen und zack – nach 10 Seiten ist Ambiguitätstoleranz vorhanden.

 

Der Schlüssel ist es, an sich selbst zu arbeiten und an der eigenen Haltung – und das kannst du im Supermarkt tun und auch beim Nachbarschaftsfest. Und in pädagogisch gerahmten Settings, die eben Schutzräume haben

 

Zudem kommt die Schwierigkeit, dass Begriffe sehr unterschiedlich gedeutet werden können.

 

Toleranz zum Beispiel ist für manche, dass man sich respektiert, für manche, dass man sich wertschätzt für andere, dass man nebeneinandersitzt, ohne sich zu hauen.

 

Da wird in unserem Bildungssystem noch sehr wenig hingeschaut, weder im Kindergarten noch in der Erwachsenenbildung. Werte ändern sich zwar im Leben, aber ich kann mich schon mit Werten auseinandersetzen, wenn ich in der Schule bin und sogar in der Kita.

 

Was ist fair, was ist nicht fair? Das ist ein Thema, das mehr Beachtung finden darf.

Was am Thema Werte so wichtig ist

Wenn Sie schon ein paar Artikel hier gelesen haben, werden Sie festgestellt haben, dass es immer wieder auf ein Thema kommt: Werte.

 

Bei dem Thema Werte ist es immer wieder wichtig, diese explizit zu machen. Viele Konflikte haben ihre Wurzel in Wertekonflikten, ohne versprachlicht zu werden. Aber nur dann, wenn wir unsere Werte benennen, können wir merken, dass wir nicht so weit voneinander auseinander sind.

 

Wir haben vielleicht unterschiedliche Handlungsmomente entwickelt, aber die Basis, unsere Werte, sind möglicherweise die gleichen.

 

Es ist möglich Werte auch gut zu finden und trotzdem anders zu handeln: z.B. Ordnung und trotzdem sehr unordentlich zu sein.

 

Manchmal sind wir auch sehr ungerecht zu Kindern. Oft machen wir ihnen Vorwürfe, dass sie das eine wollen und das andere tun.

 

Beispielsweise kann ein Kind einem anderen Kind vorwerfen, unfair zu sein und verhält sich dabei selbst unfair. Und wenn wir genau schauen, ist das bei uns Erwachsenen auch nicht anders. Oft sagen wir das eine und tun das andere. Denken und Handeln sind oft zwei unterschiedliche Blätter.

Ein konkretes Beispiel der Ambiguitätstoleranz aus der Arbeit:

Bei der Arbeit mit Geflüchteten, da war Anna auf verschiedenen Ebenen mit sehr unterschiedlichen politischen Einstellungen konfrontiert.

 

Auch bei politischen Konflikten gibt es immer eine Beziehungsebene und es war im persönlichen Gespräch immer wieder möglich, sich auf gemeinsame Werte zu einigen.

 

Frieden ist für alle ein wichtiger Wert, auch wenn die daraus folgenden Handlungsstrategien sehr unterschiedlich sein können. Oft gibt es dann doch noch Überschneidungspunkte, die auf den ersten Blick nicht so deutlich sind.

Was also tun? Gehen Sie einen Schritt zurück

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Ambiguitätstoleranz: nochmal einen Schritt zurückzugehen und dahinter zu schauen und sich erstmal Positionen anzuhören, bevor man sie in alte Schubladen steckt und das Gespräch möglicherweise abbricht.

 

Es geht darum Menschen zu akzeptieren und nicht die Position. Dazu gehört es, die Position erstmal herauszufinden

Gute Integration = mehr Konflikte?

„Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“? Das liegt daran, dass mehr Diversität, viel mehr Potential für unterschiedliche Werte gibt. Dies gilt es auszuhalten und zu üben.

 

Unsere Erwartungen an Integration und Toleranz sehr gestiegen sind. Die Vielfalt, in der wir leben, die war vor ca. 20 Jahren noch sehr anders.

 

Parallel zu dem wie wir Integration leben, werden auch unsere Ansprüche höher.

 

Deswegen sieht es häufig so aus, als wären wir noch ganz am Anfang mit dem Thema Integration. Doch wenn wir den Maßstab von vor einigen Jahren benutzen, dann sieht man, wir sind gar nicht so schlecht bei diesem Thema und können darauf aufbauend diesen Prozess auch weiter gehen.

 

Also wir können auch schauen, was haben wir schon alles geschafft? Lasst uns neugierig sein, was da noch kommt!

Das ganze Gespräch mit Anna Kamenik könnt ihr hier anschauen.