Humor und Deeskalation - Wie Sie Konflikte humorvoll lösen können

Haben Sie heute schon gelacht?

Kinder lachen am Tag vierhundert bis achthundert Mal, Erwachsene nur sechzehn Mal, so heißt es. Leider ist Humor in der Erziehung und auch im Umgang mit Konflikten vielerorts eine Seltenheit.

Dabei schlummert in einem Lachen ein
deeskalierender Schatz, der gerade in angespannten Situationen genutzt werden sollte.
 

Wie Humor schwierige Situationen deeskaliert, darüber habe ich mich mit Nicole Kern unterhalten, Sozialpädagogin und Coach mit jahrelanger Berufserfahrung mit Systemsprengern in der Jugendhilfe.

Ist Humor eine pädagogische Rarität?

Ob es eine Rarität ist, dass kann ich nicht genau sagen. Aber: Jugendliche bauen Mist. Das kann man auch mal mit Humor nehmen, denn das stärkt die Beziehung zwischen Jugendlichen und Erwachsenen.

Gibt es kulturelle Unterschiede in Sachen Humor?

Da sie beruflich auch viel im Ausland gearbeitet hat, kennt sie auch die kulturellen
Unterschiede und erzählt aus ihrer neuen Heimat: Spanien. Nach ihrer Einschätzung wird eher mal gelacht, wenn Kinder oder Jugendliche Dinge tun, die sie eigentlich nicht tun sollten. Vieles wird nach ihrer Erfahrung lockerer und weniger streng gesehen.

Was ist denn Humor?

„Wenn man die Dinge leichter nimmt und mit den Jugendlichen gemeinsam lacht“, sagt dazu Nicole Kern.

Auch wenn Jugendliche wirklich einmal Mist gebaut haben, kann man in die Reflexion über das, was sie getan haben, auch Humor einbauen. Das baut Fronten ab und stärkt die Beziehung und ist nicht gleichbedeutend damit, dass man alles gutheißt, was vorgefallen ist.

Wie ein Telefon im Klo einen Konflikt entschärft

Gerade wenn die Situation sehr angespannt ist, Jugendliche sich streiten und ein schwerer Konflikt im Raum steht, kann Humor die Sache sofort entschärfen.

Nicole und ich haben das in unserem Berufsleben oft erlebt. Nicole hat dazu eine tolle Geschichte erzählt: in einer Situation hat sie das ganz unbeabsichtigt getan, als es zu einem Konflikt zwischen zwei Jugendlichen kam. Kurz zuvor war ihr selbst aus Versehen das Telefon in die Toilette gefallen. Wie sie es meistens tut, lachte sie über dieses Missgeschick und über ihre eigene Tollpatschigkeit. Mitten in diesem Lachanfall wurde sie zu den streitenden Jugendlichen gerufen.


Sie selbst konnte immer noch nicht aufhören zu lachen, als sie den Raum mit den streitenden Jugendlichen betrat. Das hatte sofort eine große Wirkung auf ihr Umfeld. Das Lachen war ansteckend und wer lacht kann nicht gleichzeitig wütend sein. Der Konflikt „ganz aus Versehen“ durch ein Telefon im Klo entschärft worden.

Humor im Alltag

Humor ist ein Wert, den man als Grundeinstellung in die Arbeit mit einbringen kann. Ist die Beziehung gut, kann mit alltäglichen Albernheiten der Alltag aufgelockert werden. Über Salz im Kaffee oder andere Streiche kann man mit zwei Blickwinkeln schauen. Einem ernsten oder aber einer spielerischen Art und Weise.

Wenn ich es mal gar nicht locker nehmen kann

Auch in der persönlichen Reflektion kann Humor wichtig sein. In Situationen, in denen es einem schwer fällt zu lachen und die Situation mit einer gewissen Leichtigkeit zu nehmen, kann man sich fragen, warum das so ist.

„Was genau triggert mich in dieser Situation?“ Davon abgesehen, dass es auch ernste Situationen im Leben gibt, kann hier eine eigene negative Erfahrung aus der Vergangenheit sein, die einem den Humor verdirbt. Diese Erkenntnis kann einem persönlich weiterhelfen und vielleicht fällt einem in einer zukünftigen ähnlichen Situation das Lachen dann leichter.
 
Und es gilt anzuerkennen, dass Humor etwas sehr Individuelles ist und was den einen zum Lachen bringt, kann den anderen völlig emotionslos lassen

Kann Humor auch mal schieflaufen?

Na klar. Auch hier hat Nicole ein super Beispiel parat: sie wollte eigentlich eine angespannte Situation entschärfen, als eine Jugendliche versehentlich Milch verschüttet hat. Damals wollte sie witzig sein und meinte: „Ach was machst du da schon wieder, schüttest die ganze Milch hier um?“

Die Jugendliche hat die Ironie dahinter nicht hören können, da sie von ihrer Mutter, oft beschimpft wurde, wenn sie etwas fallen gelassen hat. Sie ist in Tränen ausgebrochen und hat geweint. Also ein gutes Beispiel, das Humor auch mal schief gehen kann.
 
Auch ich habe im Krisenzentrum mit einer Jugendlichen ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich wollte witzig und provokativ sein, doch die Jugendliche und ich kannten uns noch nicht und sie hat meine Reaktion völlig falsch gedeutet.

Trotzdem war es kein Weltuntergang, wir haben die Situation geklärt und nochmal von vorne begonnen.

Wie wichtig ist eine gute Beziehung, wenn es um Humor geht?

Humor schafft Akzeptanz, stimmt versöhnlich und verbindet - Das stimmt, solange man nicht über jemanden lacht, sondern mit jemandem lacht und man eine gemeinsame Humorebene findet.
 
Ja – es hilft, wenn man sich schon etwas kennt. Wer eine wertschätzende Haltung schon erfahren hat, weiß, dass ich mit einer humorvollen Situation niemanden verletzen, sondern Leichtigkeit in den Alltag bringen möchtee.
 
Oft ist es die bessere Möglichkeit
über sich selbst zu lachen, anstatt sich zu ärgern. Das bedeutet nicht, dass man mit allem einverstanden ist. Humor macht für einen selbst und die Jugendlichen die Arbeit jedoch leichter.

Humor im Team

Auch wenn im Team eine humorvolle Atmosphäre herrscht, hat das Auswirkungen auf das Umfeld, egal ob in der Jugendhilfe, in der Pflege oder anderen Bereichen.

Humor strahlt auf die Klient*innen oder Patient*innen ab:
„Humor schafft Verbindungen, Vertrauen und schenkt Leichtigkeit dort, dort wo die Schwere des Alltags oft zu erdrücken scheint.“ sagt der Humorcoach Thorsten Fuchs. Auch der Umgang mit Schwächen und Fehlern kann durch Humor erleichtert und dadurch die Teamarbeit verbessert werden.
 
Ganz zuletzt und nicht weniger wichtig noch ein wichtiger Punkt:
„Viel Lachen ist gesund und stärkt das Immunsystem!“
 
Wer tiefer in das Thema Humor und Deeskalation einsteigen möchte und mich und Nicole im Gespräch erleben, kann das hier tun:

Der Pausenknüller:
Humor und Deeskalation