• Martina Kohrn

Wie Sie die Statuswippe zur Deeskalation nutzen können

Aktualisiert: 9. Juni 2019

Was Theaterspielen mit erfolgreicher Deeskalation zu tun hat

 

"Er will nicht hören“ „Was mach ich, um nicht das Gesicht zu verlieren“ „Wie schaffe ich es, dass die Situation nicht eskaliert“. Jeder, der mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat, kennt die Fragen. Sie tauchen unweigerlich auf, wenn es im Jugendzentrum „knallt“, sich 2 Kids in die Haare kriegen oder auf dem Pausenhof nicht mehr mit dem Ball in Richtung Fenster gekickt werden soll.


Lange Jahre habe ich in der stationären Jugendhilfe gearbeitet, anders gesagt: im Heim. Erst mit Mädchen, eine Weile mit psychisch Kranken, bevor ich eine erlebnispädagogische Gruppe für Jungen aufgebaut habe. Ich habe außerdem viele Sozialtrainings in Schulen gegeben. In all diesen Jahren kam ich an Grenzen. Ich bin auch mal lauter geworden als ich musste und kann mich an Situationen erinnern, in denen ich mich machtlos, ahnungslos fühlte und nicht mehr weiter wusste (besonders am Anfang dieser Zeit).


Unvergessen, als ein Junge im Sozialtraining in der ersten Stunde meinte, mich testen zu müssen. Mein ihm wohlbekannter Kollege ging aus dem Raum und er rief „ich spring jetzt aus dem Fenster“ (was er letztendlich nicht machte). Oder etwas unspektakulärer: wenn es am Wochenende darum ging, 7 Jungs ins Bett zu schicken. Obwohl später noch irgendein „ach so wichtiger und interessanter“ Film lief. All die Situationen habe ich gehändelt und sogar ganz gut, wie ich meine.


Dabei hat mir für meine pädagogische Arbeit ein Modell gut geholfen, in dem ich mir bewusst werden konnte, wie ich mich gerade verhalten kann und möchte. Ich kann mich reflektieren, wie ich meinem Gegenüber begegne: die Statuswippe. Was die Statuswippe ist, wie diese Ihnen helfen kann, darauf gehe ich gleich näher ein.

 

Jetzt bin ich Trainerin, u.a. für Deeskalationstrainings und kann mich in meine Teilnehmer*innen und ihre Überlegungen hineinfühlen: wie setze ich mich bei wem auf welche Art und Weise durch, wenn es sein muss. Ohne das Gesicht zu verlieren, gleichzeitig immer wertschätzend. Die Statuswippe ist ein gutes Instrument, um sich der Wirkung, der eigenen Verhaltensweisen, des Miteinanders und der körpersprachlichen Signale mehr bewusst zu werden.


Interessanterweise erlebe ich es in Frauenrunden in pädagogischen Kontexten, dass die Frauen mir erzählen „ach, ein Mann hat es gut, da haben die Kids da mehr Respekt“. Die ersten Male war ich sprachlos und meistens erzähle ich dann von meiner Lieblings-Ex-Kollegin Michelle: diese war Mitte 50, nicht mal 1,60 groß und resolut ohne „männlich“ und autoritär zu werden. Die Kids hatten Respekt, mehr als vor manchem großem männlichen Kollegen.


Die Statuswippe - was ist das genau?


Um deutlich zu machen, wie die Kollegin das geschafft hat, ist die Statuswippe ein gutes Modell. Die Theorie kommt aus dem Theater und wurde von Keith Johnston beschrieben. Dieser hat das Improvisationstheater weiterentwickelt und erklärt an dem Modell das Gefälle zwischen 2 Personen Figuren auf der Bühne.


Auf das Statusspiel lassen wir uns im Alltag ein, bewusst oder unbewusst. Nicht nur im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Auch mit Kolleg*innen und im Gegenüber mit dem Chef.


Ein Gedanke ist bei der Statuswippe wesentlich: es geht hier nicht um ein Machtspiel – wer ringt wen nach unten, wer ist autoritär, wer hat recht, wer gewinnt. Auf der Statuswippe geht es um die Wirkung, die ich erziele bzw. erzielen möchte.


Und so gibt es verschiedene Merkmale, in denen wir zeigen können, welchen Status wir einnehmen. Nicht der gesellschaftliche oder soziale Status ist gemeint: hier spielen äußerliche Merkmale wie Kleidung, aber auch das neueste Handy oder Ämter eine Rolle.

Auf der Statuswippe geht es m den persönlichen Status, der an der Situation orientiert ist.

Neben einem äußerlichen Status (Körpersprache, Mimik, Gestik, Stimme, Haltung) spielt der innere Status eine genauso wesentliche Rolle. Auf diesen beiden Ebenen agieren wir.


Innen hoch - außen hoch

Das ist der Status, in dem Sie sich Respekt verdienen wollen. Sie können in diesem Status Interessen und Ziel durchsetzen, meist gegen den Willen anderer. Dieser Typus wird respektiert, manchmal gefürchtet. Sympathie entsteht so aber nicht.


Innen hoch - außen tief

In diesem Status können Sie sich Respekt und Sympathie verdienen – der Mensch in diesem Status besitzt eine innerliche Unabhängigkeit. Dieser Status wird auch „Der Charismatiker“ genannt, weil er Niederlagen wegstecken kann, es ihm nicht um die eigene Eitelkeit geht, sondern um ein Ziel. Gleichzeitig möchte der Charismatiker mit dem Gegenüber auf Augenhöhe kommunizieren. Dieser Typus wird respektiert und gemocht.


Innen tief – außen tief

Nähe und Sympathie herzustellen – das ist der Wunsch in diesem Status. Alle mögen ihn, diesen Typus, er ist sympathisch, möchte Harmonie. Allerdings besteht die Gefahr, dass Sie sich in diesem Status nicht durchsetzen können oder es allen recht machen wollen. Gemocht, nicht sonderlich respektiert, das ist die Spielart bei diesem Typus.


Innen tief – außen hoch

Achtung, in diesem Status kann es passieren, dass Ihnen eher Arroganz und Zickigkeit nachgesagt werden. Wenn der äußere Hochstatus und der innere Status, in diesem Fall der tiefe, nicht zusammenpassen und vom eigenen Selbstbild nicht getragen werden wirkt das Verhalten eher wie eine Fassade. Weder Sympathie noch Respekt, das sind die Folgen dieses Status.




In der Kommunikation beschreibt Keith Johnston das ideale Statusspiel als „die Unterhaltung zwischen zwei guten Freunden“ – beide gleichen unablässig ihren Status einander an. Das bedeutet, dass wir mit unserem Gegenüber auf Augenhöhe gehen, zwischen Hoch und Tief wechseln können und beides anbieten können. Daher müssen wir von unseren eigenen Befindlichkeiten absehen, wir brauchen die Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Und in diesem Statusspiel bewegen wir uns im menschlichen Miteinander andauernd, auch in der pädagogischen Arbeit.

 

Aber auch so kann das Statusspiel stattfinden:

Wenn ein „neuer“ Jugendlicher in die Wohngruppe für Jugendliche einzog, in der ich gearbeitet habe (meist hatten die ganz schön viel auf dem Kerbholz), lebten wir Betreuer*innen erst einmal den Innen Hoch – Außen Hoch Status. Wir bestimmten die Abläufe, die Regeln etc. So erlebten die Jugendlichen zwar erst einmal eine steile Hierarchie, konnten sich daran aber orientieren. Die Führung war in diesem Moment zwar noch nicht partizipativ, dennoch wertschätzend und wohlwollend. Wenn der Jugendliche angekommen war, eine Sicherheit vorhanden war wurde der Status gewechselt: zu Innen hoch – außen tief. Die Hierarchie wird flacher, Partizipation gewinnt an Bedeutung, das Miteinander ist auf Augenhöhe.


Dieses nur ein Beispiel, wie ich den Status nutzen kann, um den pädagogischen Alltag zu gestalten. Wichtig ist mir zu sagen: Wertschätzung ist immer gegeben.

Wie schaffe ich es vom Hoch- zum Tiefstatus zu wechseln? Ein Merkmal: je mehr Zeit und Raum Sie einnehmen, umso höher ist der Status und umso weniger gehen Sie in den Tiefstatus.


Merkmale von Hoch- und Tiefstatus

Als äußerliche Merkmale zählen hier Ihre Körpersprache – Gestik, Mimik - Ihre Sprache, Stimme (alles, was dazu gehört: von Modulation bis Lautstärke) und Ihre äußere Haltung.

Der wichtigste Schlüssel für Ihren inneren Status: bleiben Sie innerlich entspannt und gelassen.


Sie wirken selbstbewusst, wenn Sie nix aus der Ruhe bringt. Denn darum geht es: nicht arrogant, nicht autoritär zu wirken, sondern selbstbewusst.


Eine Person im Tiefstatus erkennen Sie daran, dass

- diese sich klein macht

- auf der Stuhlkante sitzt, den Boden nur mit den Zehen berührt

- diese versucht mit dem Körper wenig Raum einzunehmen

- sehr schnell spricht (sie möchte ja nicht die Zeit nehmen)

- sehr leise spricht

- eine Menge Füllwörter benutzt: „ich sag mal so“, „halt“

- sie nervös wird, sie die Hände nutzt, um an sich herumzufummeln.

- wenig bis keinen Blickkontakt hat


Eine Person im Hochstatus erkennen Sie, dass

- diese viel Raum einnimmt, ohne Grenzen zu überschreiten

- sie sich Zeit nimmt und genug Ruhe hat

- einen festen Stand hat

- sie ruhige Gesten macht, der Kopf ruhig bleibt, die Haltung aufrecht

- mit einer ruhigen Stimme spricht

- Sie Blickkontakt aufnimmt, dem Blick nicht ausweicht

- sie inneres Selbstvertrauen und Gelassenheit hat


Üben Sie:

Das Spiel mit dem Status können Sie üben. Damit sind Sie immer noch authentisch, schaffen es jedoch, sich auf Ihr Gegenüber einzustellen und sich selbst in eine selbstbewusste Position zu bringen.


Üben Sie, bitten Sie Ihre Kollegen um Feedback, beobachten Sie sich oder fangen Sie da an, wo das Statusspiel herkommt: besuchen Sie einen Improvisationstheater-Kurs. Sie müssen ja nicht gleich auf die große Bühne. Um Souveränität zu erlangen ist dies ein wirksames Übungsfeld für Ihre nächste deeskalierende Situation und genauso hilfreich wie ein Deeskalationstraining.

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