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Umgang mit herausforderndem Verhalten in der Jugendhilfe

Aktualisiert: 27. Nov. 2023

Wer in der Jugendhilfe tätig ist, sollte seine Grenzen kennen


Egal, ob wir es "herausforderndes Verhalten" oder Systemsprenger oder „herausgeforderte Kinder“ nennen.

Die meisten Menschen, die in der Jugendhilfe arbeiten, sind irgendwann mit Situationen konfrontiert, die sie selbst herausfordern und vielleicht überfordern.

Um handlungsfähig zu bleiben ist eines wichtig: die eigene innere Stabilität, um mit dem Gegenüber gut umgehen zu können.


Das erfährst du im Artikel:

Was bedeutet eigentlich herausforderndes Verhalten? So kannst du Überforderung vermeiden Was ist ein „Systemsprenger“? Selbstfürsorge, um handlungsfähig zu bleiben Grenzen der erfolgreichen Arbeit mit Jugendlichen Selbstfürsorge ist das oberste Gebot


Martina Kohrn Herausforderndes Verhalten Jugendliche in der Schule


Erfolgreiche Arbeit in der Jugendhilfe


· Wie könnte es laufen, wenn du mit Konflikten in der Jugendhilfe gelassener umgehst?

· Wo sind Interventionsmöglichkeiten und wie ist Prävention möglich?

· Und wo sind eigentlich deine Grenzen?


Dazu habe ich mich gleich mit zwei Expertinnen getroffen, nämlich Vivian Geisen und Christina Höink, die seit Jahren in der Jugendhilfe tätig sind.


Wir bekommen einen Einblick in ihre tagtägliche, wertvolle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Hilfe benötigen. Mit ihnen habe ich mich darüber unterhalten, wie du mit dem herausfordernden Verhalten deines Gegenübers umgehen kannst.



Im Artikel findest du

· einige Auszüge aus dem Gespräch mit Alltagssituationen aus der Jugendhilfe

· Tipps um die eigenen Grenzen besser zu erkennen und

· die typischen Herausforderungen, die wir immer wieder in Konfliktsituationen haben.



Was bedeutet herausforderndes Verhalten?


Herausforderndes Verhalten kann in vielen Formen auftreten und eines nur mal vorweg: das Verhalten ist für uns herausfordernd. Hat aber gute Gründe.


Egal, ob es sich um aggressives Verhalten dreht, um Provokationen oder sogar handgreifliche Reaktionen. In der Arbeit mit Jugendlichen können unterschiedlichste Formen auftreten - mit einer sicheren Regelmäßigkeit. Kein leichter Job, also. Die Jugendlichen haben meist bereits eine Vorgeschichte, kommen womöglich bereits von einer anderen Einrichtung, in der sie keinen Fuß fassen konnten.

Ihr Verhalten hat meist nichts mit den Betreuern selbst zu tun, sondern kommt aus den eigenen Verletzungen.

Und, weil sie es nie anders gelernt haben, brauchen sie ein Ventil, was sich z.B. durch Provokation und Beleidigungen gegenüber den Mitmenschen äußert. Das kenne ich aus der Zeit in der Jugendhilfe selbst. Und ich kenne es auch, dass es Dinge gab, die zu mir gesagt wurde, die mich kalt ließen und andere, die mich total auf die Palme brachten.



So kannst du Überforderung vermeiden


Damit dich das herausfordernde Verhalten nicht überfordert, fang also bei dir selbst an und schau genau hin.


Es ist wichtig, früh zu erkennen, wann du überfordert bist. Denn dem Jugendlichen kann vor allem geholfen werden, wenn du die Situation aushältst und auch die Vorgeschichte ausblenden kannst.


Nur dann kannst du eine wirkliche Unterstützung sein und auch selbst mit der Situation besser umgehen. Überforderung gilt es auf beiden Seiten zu vermeiden. Der Jugendliche darf erstmal ankommen, lernen Nähe zuzulassen und seine Bedürfnisse formulieren.



Was ist ein „Systemsprenger“?


Aggressive Handlungen und Persönlichkeitsstörungen können Verhaltensmuster von Jugendlichen sein, die als Systemsprenger bezeichnet werden.


Aber was soll das überhaupt bedeuten?


Der Begriff sollte kritisch beleuchtet und von allen Seiten betrachtet werden. Die Frage ist hier:


· Wie und warum kann ein System überhaupt gesprengt werden?

· Liegt hier vielleicht der Fehler im System?

· Haben die Jugendlichen überhaupt Schuld?

· Wo sind Grenzen des Systems?


In der Jugendhilfe ist es wichtig, dass das Verständnis und die Offenheit für jeden Einzelnen da ist. Jeder Mensch ist schließlich ein Individuum. Und niemand passt in eine Schablone.

Feste Strukturen und Regeln sind eine schwierige Basis für einen Neuanfang. Nur der Jugendliche ist selbst Experte für sein Leben und seine Bedürfnisse kann kein starres System abdecken.


Ziel ist es immer, erstmal die Grundversorgung zu gewährleisten und dann weiter zu sehen, was individuell benötigt wird.



Selbstfürsorge, um handlungsfähig zu bleiben


Um ein guter Betreuer für Kinder- und Jugendliche sein zu können, fang bei dir selbst an und achte auf dich.

Lerne dich kennen und sei dir deiner Themen und deiner Grenzen bewussts.


Schimpfwörter in jeglicher Form haben mir überhaupt nichts ausgemacht. Auch meine Familie konnte beschimpft werden ohne Ende. Provokationen, die in die „Null Bock“ Richtung gingen, haben mich am Anfang meiner Zeit in der Jugendhilfe eher provoziert. Ich musste lernen, damit umzugehen.


Den Job selbst zu machen und sogar für diesen zu brennen, das kannst du nur, wenn dein eigenes Feuer noch an ist.


Provokationen meistern


Kommt es dann doch zu einer Situation, die für dich schwierig ist – also zu einer Provokation, die dich auf die Palme bringt:


· durchatmen

· Auf Durchzug schalten

· Bewusst machen: das hat nix mit dir persönlich zu tun


Ich bin hier gerade nur der Blitzableiter für eine Person, die sich nicht anders zu helfen weiß. Sei bloß nicht nachtragend, dennoch kannst du die Situation in einem ruhigen Moment noch mal ansprechen.


Für den Anfang ist es aber vor allem wichtig, dass er oder sie die Luft raus lässt. Denn es handelt sich meist um die eigene Wut, Angst, Hilflosigkeit und ist keine Abneigung gegenüber der betreuenden Person.


Wenn ich dennoch merke, dass es mich verletzt: es ist ziemlich sicher, dass es ein Thema ist, was dich selbst betrifft.

Dann grenze dich ab und sorge für dich. Denn auch dafür kann der Jugendliche nichts.



Grenzen der erfolgreichen Arbeit mit Jugendlichen


Zum Glück kommt das eher selten vor, aber eine erfolgreiche Jugendhilfe scheitert dort, wo der Jugendliche alles komplett abblockt und wirklich keine Hilfe möchte. Egal, welche Wohn- und Lebensmodelle durchgespielt wurden, egal welche Toleranz gegenüber Sucht oder Kriminalität herrscht - wenn eine bestimmte Grundüberzeugung gefestigt ist, sind den Betreuenden die Hände gebunden und du kannst nichts für den Jugendlichen tun.


Allgemeine Tipps für den Umgang im Alltag


Jetzt hast du auch immer mal wieder Situationen, die dich herausfordern? Dann hier ein paar Tipps:


- Prüfe, was der wirkliche Auslöser ist, meist ist es nicht das Offensichtliche

- Nutze eine ruhige Situation, um (regelmäßig) darüber zu sprechen

- Es kann auch Unterforderung sein und der Wunsch nach Kontakt

- Ein rundes Netzwerk schaffen, so dass das Umfeld die gleiche Sprache spricht, z.B. Eltern und Therapeut*in oder Lehrer*in

- Das Gefühl geben, nicht zu verurteilen, sondern Verständnis und Offenheit mitbringen

- Beim Regeln aufstellen das Kind mit einbeziehen, um das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu sichern

- Zeit, Geduld und Vertrauen aufbringen



Selbstfürsorge ist das oberste Gebot


Durch Selbstfürsorge kenne ich mich und meine Grenzen gut genug, um mit herausforderndem Verhalten umzugehen und dem Jugendlichen damit wirklich helfen zu können.


Wenn du selbst gefestigt bist, kannst du eine heftige Situation gelassener meistern und dem Jugendlichen die nötige Stärke und Unterstützung bieten.


Wichtig ist, dass er/sie das Gefühl bekommt, gesehen zu werden und endlich Stabilität und Sicherheit bekommt. Dadurch kann dann das nötige Vertrauen entstehen und so der Wille, am eigenen Leben etwas zu ändern. All das braucht Zeit, Geduld und vor allem keine Schablone, die den Jugendlichen in das System presst, sondern die Bereitschaft den individuellen Menschen zu sehen.

 
Martina Kohrn Konflikttrainerin

Hi, ich bin Martina Kohrn - Konflikt- und Resilienztrainerin für Fach- und Führungskräfte aus Jugendhilfe, Kita und Pflege.


☑ Sei sicherer in Konflikt- und Krisensituationen.

☑ Gestalte ein starkes und humorvolles Miteinander im Team.

☑ Sichere Dir praxisnahes Handwerkszeug für mehr Ruhe und Gelassenheit.





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2 commentaires


In der Ruhe liegt die Kraft und diese Ruhe gilt es immer wieder zu finden. Einen erholsamen Sonntag wünsche ich euch☕️🎶😎

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Dranbleiben ist die Devise. Und danke, das wünsche ich dir auch

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