Teufelskreis der Konfliktvermeidung erfolgreich durchbrechen
- Martina Kohrn

- vor 6 Tagen
- 7 Min. Lesezeit

70% aller Teams sprechen Konflikte nicht an. Dabei ist vermeintliche Harmonie ist in pädagogischen Teams oft gefährlicher ist als ein offener Streit. So lösen Führungskräfte mit der 5-A-Methode Teamkonflikte.
Einleitung
„Bei uns im Team gibt's eigentlich keine Konflikte.“ Diesen Satz höre ich in der Arbeit mit pädagogischen Teams immer wieder und jedes Mal werde ich hellhörig. Denn ein Team mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Menschen ganz ohne Konflikte ist ungefähr so realistisch wie ein Kindergarten ohne Geräusche.
Themen im Artikel:
Warum "wir haben keine Konflikte" das gefährlichste Signal im Team ist
Was Teamkonflikte wirklich mit der Gesundheit deines Teams machen
Zwei Teamkulturen: Warum Harmonie ein Team krank machen kann
Die 5-A-Methode: So löst ihr Teamkonflikte, bevor sie eskalieren
Konfliktmanagement im Team aufbauen: Der nächste Schritt für eure Einrichtung
Warum "wir haben keine Konflikte" das gefährlichste Signal im Team ist
Menschen haben unterschiedliche Werte, unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Belastungsgrenzen und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Dinge richtig gemacht werden – das fängt bei der Ordnung im Büro an und hört bei der pädagogischen Arbeit noch lange nicht auf. Konflikte im Team sind deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass alles ganz normal läuft.
Wenn ein Team behauptet, konfliktfrei zu sein, bedeutet das in den allermeisten Fällen: Die Konflikte werden schlicht nicht angesprochen. Und genau das ist das eigentliche Problem, nicht der Konflikt selbst.
Viele Einrichtungen sind strukturell gut aufgestellt: klare Konzepte, ein Gewaltschutzkonzept, engagierte Fachkräfte, solide Ausstattung. Und trotzdem kribbelt es an der einen oder anderen Stelle. In der Teamsitzung gibt es das „Ja, aber“, an dem nicht gerüttelt wird. „Haben wir schon immer so gemacht.“ Führungskräfte greifen nicht ein, weil sie befürchten, dass es sonst eskaliert und "keiner mehr miteinander spricht". Fachkräfte haben innerlich längst gekündigt, bleiben aber trotzdem, weil woanders ist es auch nicht besser und weil Harmonie in der Teamkultur wichtiger erscheint als echte Klarheit. Am Ende trägt jede und jeder Einzelne im Team einen Teil dieser Verantwortung mit.
Was Teamkonflikte wirklich mit der Gesundheit deines Teams machen
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zur Teamarbeit in Kitas zeigt: 36,8 % der Fachkräfte erleben Teamkonflikte als stark belastend, weitere 32,3 % als mittlere Belastung. Nur 30,9 % empfinden sie als wenig belastend. Das heißt: Mehr als zwei Drittel der Fachkräfte fühlen sich durch Konflikte im Team spürbar bis stark belastet. Gleichzeitig sprechen laut derselben Studie nur 40 % regelmäßig über Konflikte im Team – 46 % selten, 14 % nie.
Konflikte sind also präsent, aber sie bleiben größtenteils unausgesprochen. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege bestätigt das: Ungelöste Konflikte, soziale Spannungen und mangelnde Wertschätzung zählen zu den typischen Ursachen für psychische Belastung in pädagogischen Berufen.
Was dabei im Körper passiert, ist gut erforscht. Anhaltende soziale Spannung – nicht angesprochene Konflikte, dieses diffuse Gefühl in der Teamsitzung, das "Was passiert hier eigentlich?" – aktiviert dauerhaft das Stresssystem. Der Kortisolspiegel steigt, das Nervensystem bleibt im Alarmmodus. Nicht weil akut etwas passiert, sondern weil nichts geklärt wird. Es ist nicht der Konflikt, der krank macht, es ist die Konfliktvermeidung.
Wenn Spannung existiert und niemand sie anspricht, bleibt das System im Alarmzustand, und Menschen sehen häufig keine Lösung mehr. „Ich hab's schon fünfmal angesprochen, wenn das eskaliert, verliere ich wieder Mitarbeitende.“ Diese Dauerbelastung führt zu emotionaler Erschöpfung, Rückzug, innerer Kündigung und psychosomatischen Beschwerden – Rückenschmerzen, Herzbeschwerden, Ohrensausen. In der Konsequenz steigen Fehlzeiten und Fluktuation.
Die Wirkungskette ist klar nachvollziehbar: Ein Konflikt wird nicht angesprochen, es entsteht dauerhafter Stress im Team, die Aufmerksamkeit für die eigentliche Arbeit – etwa für die Kinder in der Kita – sinkt, die Qualität leidet, Fachkräfte gehen. Das ist keine Hypothese. Das ist in vielen Einrichtungen gelebter Alltag.
Zwei Teamkulturen: Warum Harmonie ein Team krank machen kann
In der Praxis lassen sich zwei grundlegende Muster von Teamkultur beobachten. Denn "ein bisschen konfliktfähig" gibt es dabei eigentlich nicht.
Die professionelle Teamkultur: Unterschiedliche Meinungen sind erlaubt und werden sogar erwartet. Fachliche und sachliche Diskussionen finden offen statt, nicht hintenrum, auch wenn sie unbequem sind. Konflikte werden als Informationsquelle genutzt: Sie zeigen, dass irgendwo eine Klärung ansteht.
Die harmonieorientierte Teamkultur: Konflikte werden vermieden, um das Klima zu schützen. Kritik bleibt unausgesprochen, es wird hintenrum getuschelt, kleine Gruppen bilden sich, Lästern ersetzt das Gespräch. Harmonie steht über fachlicher Klarheit.
Das Problem an diesem Muster: Die Spannung verschwindet dadurch nicht, sie verlagert sich nur unter die Oberfläche. Fachliche Diskussionen fehlen, und ohne sie kann sich die Qualität der Arbeit nicht weiterentwickeln. Harmonie kann ein Team krank machen, so hart das klingt.
Die Frage, die sich jede Führungskraft stellen sollte: Welche Kultur fördern wir gerade – bewusst oder unbewusst?
Konflikte sind kein Störfall, sondern ein Regulationsmechanismus für das Team. Sie zeigen an, wo Werte, Erwartungen oder Bedürfnisse auseinanderlaufen – wie eine Einladung, etwas gemeinsam zu klären. Und wie bei einer Reifenpanne gilt: Erst wirkt es wie eine Katastrophe, dann stellt sich heraus, dass man den Reifen selbst wechseln kann – oder sich dafür Unterstützung holt. Die richtige Frage lautet also nicht Wie verhindern wir Konflikte?, sondern: Wie befähigen wir unser Team, konstruktiv mit Konflikten umzugehen?
Die 5-A-Methode: So löst ihr Teamkonflikte, bevor sie eskalieren
Für noch nicht eskalierte Konflikte – also für die präventive Arbeit im Alltag – habe ich aus jahrelanger Beratungspraxis ein Modell entwickelt, das sich leicht im Team verankern lässt: die 5-A-Methode der Konfliktlösung.
A1 - Anschauen
Wahrnehmen, ohne sofort zu reagieren. Das ist oft der schwierigste Schritt, weil der Reflex meist direkt in die Reaktion springt. Ein Beispiel: Eltern in einer Kita beschweren sich aufgebracht: „Was ist das denn hier für ein Saftladen?“ Die erste Reaktion ist oft Empörung – „Wie reden Sie denn mit uns?“ Anschauen bedeutet, innezuhalten. Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum, und den füllt dieser erste Schritt: Was passiert hier wirklich – und was passiert dabei in mir? A2 - Abgleichen
Perspektiven klären, Wahrnehmung überprüfen. Was steckt wirklich dahinter? Im Kita-Beispiel stellte sich heraus: Die Eltern waren sauer, weil sie keine rechtzeitigen Informationen bekommen hatten – nicht, weil sie grundsätzlich unhöflich sind. Diese Ursache liegt fast immer tiefer, als die erste Emotion vermuten lässt.
A3 - Annähern
Den richtigen Zeitpunkt und Ort finden. Wer noch mitten in der Erregung steckt und am liebsten "zurückschießen" möchte, sollte das Gespräch nicht in diesem Moment führen. Manchmal ist der nächste Morgen der bessere Zeitpunkt. A4 - Ansprechen
Erst jetzt – nach drei vorbereitenden Schritten – folgt das eigentliche Gespräch. Klar strukturiert, mit einer konkreten Beobachtung: „Frau Müller, gestern haben Sie gesagt, das sei ein ganz schöner Saftladen hier. Ich war ziemlich überrascht davon. Erzählen Sie mir, was dazu geführt hat?“ So bleibt der Kontakt zur Person erhalten, ohne Rechtfertigung. Meist sind zu diesem Zeitpunkt beide Seiten bereits emotional runtergefahren, was das Gespräch überhaupt erst möglich macht. A5 - Abschließen
Eine Vereinbarung treffen und wirklich abschließen. Nicht nur "besprochen", während es innerlich weiter brodelt. Ohne echten Abschluss bleibt der Stresszustand bestehen, und es lohnt sich, noch einmal bei Schritt eins anzusetzen.
Warum ist diese Struktur so gesundheitsrelevant? Sie reduziert Stress, weil sie Vorbereitung ermöglicht, das Gespräch strukturiert, Klarheit schafft und die innere Unruhe beendet. Ein echter Abschluss beruhigt nachweislich das Nervensystem. Ungeklärte Konflikte binden Energie – geklärte Konflikte setzen sie frei.
In über 30 Jahren Arbeit mit Gruppen und Teams habe ich beides erlebt: Teams, die an unausgesprochenen Konflikten zerbrochen sind, und Teams, die genau durch Konflikte gewachsen sind. Der Unterschied lag nie an "den schwierigen Mitarbeitenden". Er lag daran, wie mit Konflikten umgegangen wurde und wer das Handwerkszeug dafür hatte.
Konfliktmanagement im Team aufbauen: Der nächste Schritt für eure Einrichtung
Teams ohne Konflikte gibt es nicht. Was es gibt, sind Teams, die gelernt haben, mit Spannung umzugehen – die Strukturen für Konfliktmanagement im Team etabliert haben, statt sich in Befindlichkeiten oder Dauerdiskussionen zu verlieren. Ein harmonisches Team zu sein, ist keine Kompetenz. Konflikte lösen und schwierige Situationen ansprechen zu können ist die Kompetenz, die ein Team wirklich trägt. Und sie ist die Grundlage für jede pädagogische Einrichtung, in der Menschen mit Menschen arbeiten, sich entwickeln und wachsen wollen.
Du musst nicht bei null anfangen. Die 5-A-Methode gebe ich dir als konkreten Leitfaden mit an die Hand. Mit fertigen Formulierungshilfen für schwierige Gespräche, Reflexionsfragen zur Vorbereitung und einer Checkliste, die du direkt in deiner nächsten Teamsitzung oder deinem nächsten Konfliktgespräch einsetzen kannst. Kein theoretisches Konzept, sondern Handwerkszeug für den Alltag.
Im kostenlosen Konfliktlösungsgespräch schauen wir gemeinsam auf eure konkrete Situation: Wo steht euer Team gerade in Sachen Konfliktstärke? Braucht ihr erst mal wieder mehr Vertrauen zueinander, oder gibt es einen ganz konkreten Konflikt, der moderiert werden muss? Zugeschnitten auf eure Einrichtung, nicht nach Schema F.
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Hi, ich bin Martina Kohrn -
Konflikt- und Resilienztrainerin
für Fach- und Führungskräfte aus Jugendhilfe, Kita und Pflege.
Hier in diesem Blog gibt es Methoden, Wissen und Impulse rund um Lösungen bei Konflikten und Stress.
Meine Angebote
Wenn du tiefer einsteigen willst, gibt es verschiedene Wege:
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Du lernst, Konflikte früher zu erkennen, Situationen besser einzuschätzen und sicherer zu entscheiden, wann du etwas ansprechen solltest – und wann noch nicht.
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Dann komm in die Community.
Dort bekommst du Austausch, neue Gedanken, praktische Anregungen und Unterstützung, damit du im Alltag mit Konflikten nicht wieder allein dastehst.
Konflikte kosten Kraft. Ja.
Aber das, was unausgesprochen bleibt, kostet oft noch mehr.
Mehr Energie. Mehr Nerven. Mehr Vertrauen.
Und besser wird es meistens nicht, nur weil alle hoffen, dass es sich von allein beruhigt.




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